Während mittlerweile die Erfassung einer zweiten Generation in der Bevölkerungsstatistik grundsätzlich auf einem breiten Konsens beruht, herrscht eher Zurückhaltung darüber, eine „dritte Generation“ statistisch auszuweisen. Zu den Aufstiegsprozessen der Nachfahren türkeistämmiger Einwanderer liegen demnach bislang kaum Studien vor.
Es fehlt an einer Standarddefinition für die dritte Generation. In der Integrations und Migrationsforschung besteht ein grundsätzlicher Konsens darüber, dass es sich bei der dritten Generation um die Enkelkinder jener Menschen handelt, die im Ausland geboren wurden und im Laufe ihres Lebens in ein Zielland migriert sind (vgl. Maciejewski et al. 2022, S. 153-154). Im einfachsten Fall sind sowohl die untersuchte Person selbst als auch beide Elternteile im Zielland geboren, währendalle vier Großelternteile in das Zielland migriert sind (vgl. Maciejewski et al. 2022, S. 154). Solche Konstellationen sind empirisch jedoch deutlich selten.
Die erste Generation von Migranten greiftin stärkerem Maße auf Partnerinnen des Herkunftslandes zurück.
“Mama in der Türkei geboren, aufgewachsen[...] geheiratet, hergekommen. [...] mein Großvater dann so ein bisschen jünger [...] ja so 18 rum, 19 [...] hergekommen, ähm, ja, hat 4 Kinder bekommen, Mein Vater, 2 Onkels von mir” (Anonym)
“mein Dad ist zwar hier geboren, ist aber als kleiner Junge dann in die Türkei in ein Waisenhaus gegangen und ist dann quasi dort groß geworden, jugendlich geworden, erwachsen geworden, hat dann meine Mum kennengelernt in der Türkei, die haben geheiratet und sind dann 1992 gekommen” (Anonym)
Anteil intraethnischer Ehe:
Anteil, Partner*in nach dem Zeitpunkt des Zuzugs
(Schroedter, 2006, S.425)
Der eingangs erwähnte Konsens darüber, dass es sich bei der dritten Generation um die Enkelkinder von im Ausland geborenen Menschen handelt, trifft in der empirischen Umsetzung also nicht (immer) zu, da Enkelkinder von Migrant*innen teilweise auch zur zweiten Generation gezählt werden (Maciejewski et al, S.157). Im Folgenden wird von der Nachfolgegeneration der zweiten Generation gesprochen, um jene Nachkommen zu bezeichnen, deren Biografien zu heterogen sind, um eine eindeutige Operationalisierung zuzulassen. Die sogenannte dritte Generation türkeistämmiger Bildungsaufsteiger*innen lässt sich nicht als homogene Gruppe begreifen. Aufgrund transnationaler Lebensverläufe, nachgezogener Elternteile und milieuspezifischer Unterschiede sind ihre Biografien zu heterogen, um sie pauschal der „dritten Generation“ zuzuschreiben. Eine differenzierte Betrachtung ist daher notwendig, um Bildungsaufstiege als Ergebnis komplexer Habitus- und Sphärentransformationen zu verstehen.
Rund 26 % der türkischen Männer der zweiten Generation heiraten eine Frau, die bis zur Eheschließung noch in der Türkei lebt. Somit befinden sich unter den türkischen Ehegattinnen/Müttern vermehrt Frauen, die vor der Eheschließung noch in der Türkei wohnhaft waren (Schroedter, 2006, S.425). Da sich traditionelle türkeistämmige Väter nicht in die Erziehung der Kinder »einmischen« und viele Frauen als Ehepartnerinnen aus der Türkei nachgezogen sind, ist die Erziehung dieser Kinder durch einen aus dem Herkunftsland tradierten Sozialitätsmodus gekennzeichnet (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 242). Bei einer Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten in der Generationskette kann aufgrund dessen davon ausgegangen werden, dass die Sphärendifferenzin der Nachfolgegeneration eine identische Ausprägung haben könnte. Wie spiegelt sich die von El-Mafaalani beobachtete Sphärendifferenz der zweiten Generation in den Erzählungen der Nachfolgegeneration wider? Diese Sphärendifferenz markiert den zentralen Erfahrungsraum der Migrant/inn/en bereits in der Kindheit: Auf der einen Seite steht die innere Sphäre [...] Auf der anderen Seite steht eine äußere Sphäre [...] Im Umgang mit der äußeren Sphäre sind die Kinder weitgehend auf sich allein gestellt. Diese ‚harte’ Diskrepanz zwischen den Sphären drückt sich in der ausgeprägten Wir-Rhetorik in den Interviews mit den Migrant/inn/en aus (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 147-148).
“Und es war ja auch so, du warst voll auf dich allein gestellt, weil keiner in deiner Fam konnte das relaten. Was macht der da? So, die kannten das alle nicht, die wussten alle nicht, was ich da mach. Und ich musste all diese Sachen alleine machen.” (Anonym)
“also viele von uns, also sage ich mal, Kinder mit Migrationshintergrund, ähm, viele deutsche Kinder waren da. [...] wir waren ja von 25 Schülern, waren wir, waren, waren wir 23 Kanacken.” (Anonym)
“Stand heute, ich wohne ja noch zu Hause, ähm, immer so ein Teil von sich draußen gelassen, bevor man rein ist, also, zu Hause rein ist, das ist heute noch so, weil man, ähm, Sachen lebt und macht und denkt, die vielleicht jetzt nicht so ganz kompatibel sind mit daheim. [...] So, man hat schon immer so ein Teil seiner Identity abgelegt, oder zumindest nicht, nicht ausgelebt, im familiären Umfeld. Hm, ja, das ist so, Da wurde klassisch abgegrenzt.” (Anonym)
“ich hatte keinen Support, das heißt alles was ich gemacht habe, habe ich alleine gemacht. [...] weder schulisch, ja, noch gesellschaftlich können die mir irgendwas beibringen in dem Aspekt [...] ich bin auf mich allein gestellt. [...] Ich war durch das Weltbild, das meine Eltern hatten, durch das was sie in der Türkei gemacht und getan haben und dann hergekommen sind. Habe ich das übernommen. Und. mit dem gearbeitet. Das ist aber ein so limitiertes Weltbild, das gar nicht hierher passt.” (Anonym)
“also ist heute noch so, wenn ich nach Hause gehe, ist für mich daheim 'ne andere Welt [...] Ja, das ist tatsächlich so gewesen. Ja, daheim war für mich 'ne andere Welt, draußen war 'ne andere Welt.” (Anonym)
In der Nachfolgegeneration türkeistämmiger Einwanderer lässt sich weiterhin eine deutliche Sphärendifferenz beobachten.Die Vermutung liegt nahe, das die Sphärendifferenz in der Nachfolgegeneration eine nahezu identische Ausprägung hat.
Wer in einem türkeistämmigen und eher ressourcenarmen Umfeld aufwächst, entwickelt einen Habitus, der gut zu diesen Lebensbedingungen abgestimmt ist. Ein Habitus, der in Institutionen höherer Bildung kaum Resonanz findet (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 100). Bei den Analysen der Aufstiegsprozesse der zweiten Generation wird deutlich, dass nicht lediglich Fleiß und Talent, sondern insbesondere habituelle Passungsverhältnisse und Neujustierungen von Selbst- und Weltverhältnissen Aufstiegsprozesse ermöglichen (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 272). Türkeistämmige Aufsteigerinnen müssen sich an einer doppelte Distanzierung vom Herkunftsmilieu abarbeiten, weil die innere Sphäre auch die ethnische Community und somit auch das Milieu miteinschließt (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 284-285).
Sprache, Mimik, Gestik, Umgangsformen, Bildungsmotivation, Geschlechterbilder. Plakativ gesagt: Aus Döner wird Falafel. Kein Bushido, sondern Zartmann. Kein Jacky cola mehr, sondern Aperol Spritz. Shisha bar wird zur link-progessiven Kneipe.
„Wallah Bruder, ehrlich jetzt“ —„Voll spannend, total relatable“
Es bedarf also einer Transformation. Einer Flexibilität. Ist der Habitus zu starr, ist er in anderen Milieus nicht anpassungs und somit handlungsfähig. Ist er zu flexibel, verliert sich der Akteur und hat keine eigene identtiät bzw. innere Geschlossenheit mehr. Die BildungsaufsteigerInnen benötigen somit einen biegsamen, veränderungen zulassenden Habitus (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 91). Der Aufstieg fühlt sich oft an wie eine Flucht: Einerseits will man den Grenzen des Herkunftsmilieus entkommen – andererseits verliert man dadurch auch Zugehörigkeit, Vertrautheit und das Gefühl von „Zuhause“. Aber was ist der Unterschied zur Nachfolgegeneration? Die Besonderheit der analysierten zweiten Migrantengeneration besteht darin, dass es keine etablierten alltagspraktischen Ansätze bzw. höhere Migrantenmilieus gibt, die Orientierungsangebote für die doppelte Distanzierung aus der inneren Sphäre bieten könnten (vgl. El-Mafaalani, 2011, S. 285). Migrantische Milieus sind gegenwärtig in allen gesellschaftlichen Schichten deutlich stärker präsent. In einem multinationalen Unternehmen seien weniger Nationen vertreten als an einer Bochumer Grundschule: bei 190 Schüler:innen käme die Schule auf 50 Länder, 24 Sprachen und innerhalb einer Klasse machten die Bildungsforscher:innen 17 Länder und acht Konfessionen aus (El-Mafaalani, zit. nach Tenholt 2023). AufsteigerInnen aus der Nachfolgegeneration können zunehmend auf milieunahe Bezugspunkte treffen.
“dann kam letztes Semester, kam der Nahe Osten, ne, kam Syrien, kam Palästina, kam, kam die Kurden, kamen die Syrer, kamen die Jungs. Und dann haben wir da hat es angefangen wieder Spaß zu machen.” (Anonym)
“meine Freundin [...] sie kommt zum Beispiel auch aus dem Haushalt [...] auch Migrantenfamilie." (Anonym)
“**** war deutsch, ***** ist italienisch gewesen, ***** war griechisch. *****, brasilianisch ja, eine bunte Mischung eigentlich.” (Anonym)
Die notwendige Habitustransformation der Nachfolgegeneration, die diesen Bildungsaufstieg begleitet, scheint weniger tiefgreifend auszufallen als bei der zweiten Generation. AufsteigerInnen aus der Nachfolgegeneration können zunehmend auf milieunahe Bezugspunkte treffen. In allen Fällen rekrutieren sich Freundeskreis (und die jeweiligen Partner/innen) aus Personen höherer (migrantischen) Milieus. Die Differenzerfahrung gegenüber dem neuen sozialen Umfeld fällt somit weniger scharf aus als in den Fällen der zweiten Generation, deren Aufstieg häufig in weitgehend deutschstämmige, kulturell homogene Milieus hinein erfolgte.
Video 1: Malkoç, Alpay.Interview mit **** über seinen Bildungsaufstieg. Eigene Aufnahme, 2025.
Video 2: Malkoç, Alpay.Interview mit **** über seinen Bildungsaufstieg. Eigene Aufnahme, 2025.
El-Mafaalani, Aladin.Bildungsaufsteigerinnen Aus Benachteiligten Milieus: Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen. 2012.
Maciejewski, Linda, u.a. „Wer gehört zur dritten Generation? Herausforderungen der definitorischen und empirischen Bestimmung“.Zeitschrift für Migrationsforschung, Bd. 2, Nr. 1, 2022, S. 151–163, doi:10.48439/ZMF.V2I1.159.
Scholl, Armin. „Das narrative Interview“.Die Befragung, UTB, 2018.Schroedter,
Julia H.Binationale Ehen in Deutschland. Herausgegeben von Statistisches Bundesamt Wiesbaden, Universität Mannheim, 2006, www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2006/04/binationale-ehen-042006.html.
Tenholt, Anna. „Prof. Aladin El-Mafaalani spricht in der Nordstadt mit „Generation Superdivers”“.Nordstadtblogger, 23. März 2024, www.nordstadtblogger.de/prof-aladin-el-mafaalani-spricht-in-der-nordstadt-mit-generation-superdivers/?utm_source=chatgpt.com.