Unabhängig vom historischen Kontext zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Migrationsdebatten sind selten sachlich, sondern häufig politisch aufgeladen. Die Debatte über den Zuzug von »Ausländern« wird beim Einsetzen einer wirtschaftlichen Rezession überproportional entlang der gleichen sicherheitspolitischen, sozioökonomischen und soziokulturellen Konfliktlinien geführt. Dabei wird zwischen »den Deutschen« und »den Ausländern« immer stärker unterschieden und mit ideologisch-moralischen Zuspitzungen debattiert, in denen gegensätzliche politische Weltbilder einfache Lösungen suggerieren – sei es durch rechtspopulistische Forderungen nach Abschottung oder durch progressive Ideale uneingeschränkter Offenheit. Die Vorstellung, dass es eine einfache politische Lösung gibt, ignoriert die gesellschaftliche Realität sowie die hochkomplexen und dynamischen Prozesse, die sich nicht endgültig lösen lassen. Somit ist eine politische Debatte über pragmatische Korrekturversuche in der Migrationspolitik zunehmend erschwert. Meine leitende These ist, dass die Binarität zwischen »den Deutschen« und »den Ausländern« maßgeblich die Verantwortung dafür trägt, dass Sozialisationseffekte herbeigeführt werden, die negative sicherheitspolitische, sozioökonomische und soziokulturelle Auswirkungen haben. In der Einwanderungsgesellschaft führt die fortbestehende ethnische Stereotypisierung dazu, dass die Einwanderer rollenkonformes Verhalten übernehmen und dadurch bestehende gesellschaftliche Strukturen reproduzieren und folglich in starkem Maße benachteiligt sind.

Die Beschäftigung von Gastarbeitern hatte das Ziel, den Arbeitskräftemangel in der westdeutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben. Mit der Rezession von 1966 infolge der Ölkrise begann eine Diskussion über mögliche negative Auswirkungen der Gastarbeiterbeschäftigung. In der Presse war die Zahl der Negativberichte über Gastarbeiter fast dreimal so hoch wie die Zahl der Positivberichte. Das »Ausländerproblem« wurde zum Wahlkampfthema. Die NPD konnte durch die Idee einer homogenen Volksgemeinschaft in Verbindung mit nationalistischen und ausländerfeindlichen Parolen zwischen 1966 und 1968 in sieben Landtage einziehen. Die Beschäftigung von Gastarbeitern, ursprünglich begründet durch den ökonomischen Nutzen, schien nicht mehr zu überzeugen (vgl. Herbert, 2001, S. 220–221). Als sich 1971 infolge der Strukturkrise die wirtschaftliche Lage erneut verschlechterte und die Arbeitslosenquote stieg – bei den Deutschen um 4,3 Prozent auf 5,5 Prozent und bei den Ausländern um 7,4 Prozent auf 8,2 Prozent – schien sich die Annahme, wirtschaftliche Ungleichheit sei Ausdruck nationaler Zugehörigkeit und kultureller Defizite, zu bestätigen. Diese Diskrepanz war jedoch nicht auf die vermeintlichen kulturellen Defizite von Gastarbeitern zurückzuführen, sondern darauf, dass deutsche Arbeiter in den Jahren vor der Krise zunehmend durch Gastarbeiter in niedrig angesehenen, konjunkturanfälligeren Sektoren ersetzt wurden. Dadurch konnten rund 2,3 Millionen Deutsche in besser bezahlte, stabilere Angestelltenpositionen aufsteigen, die weniger stark von der Strukturkrise betroffen waren (vgl. ebd., S. 237). Sozial schwache Gruppen der westdeutschen Gesellschaft, denen der soziale Aufstieg nicht gelang und deren Einkommens- und Wohnsituation denen der Ausländer entsprach, standen in Konkurrenz zu diesen (vgl. ebd., S. 242, 296). Die politischen Diskussionen über den Umgang mit einer zunehmend diverseren Bevölkerung nahmen an Intensität zu und führten zu gesellschaftlichem Druck, der schließlich am 23. November 1973 in den Anwerbestopp mündete. Die Probleme der Ausländerpolitik nahmen dennoch weiterhin zu, die Gastarbeiter begannen ihre Familien nachzuholen und es zeichnete sich ab, dass sich die Aufenthaltsdauer der Gastarbeiter verlängerte (vgl. ebd., S. 228). Das rief bei der einheimischen Bevölkerung Ängste und Ablehnung hervor. Im November 1978 sprachen sich 39 Prozent der befragten Deutschen für die Rückkehr der Gastarbeiter in ihre Heimat aus, im März 1983 stieg die Zahl auf 80 Prozent. Besonders verbreitet war diese Haltung bei denjenigen, die die allgemeine wirtschaftliche Lage als »nicht gut« beurteilten (vgl. ebd., S. 241). Unmittelbare Auswirkungen hatte diese Entwicklung auf die soziale Integration der Gastarbeiter. Der Einwanderungsprozess ist sehr abhängig vom Verhalten der Aufnahmegesellschaft und gerade mit den sozial schwachen Gruppen der westdeutschen Gesellschaft hatten die Gastarbeiter am meisten Kontakt. Die Ablehnung durch die deutsche Einwanderungsgesellschaft führte bei der ausländischen Bevölkerung zur Herausbildung eines eigenen sozialen Milieus und zum Aufbau eigener Sozialsysteme, um ihre Angehörigen zu integrieren – allerdings »nicht in die deutsche Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft, sondern in die Gesellschaft der Einwanderer in Deutschland« (Heckmann, 1981, S. 218). Es folgten regionale Konzentrationen von Ausländern, sodass »Ausländerviertel« entstanden, auch weil in den Augen der Deutschen der Zuzug von Gastarbeitern ein Absinken des Wohnwerts zur Folge hatte und sie deshalb aus diesen Vierteln wegzogen (vgl. Herbert, 2001, S. 235). Die Folgen der sozialen Segregation zeigten sich besonders im Bildungssystem: Kinder ausländischer Herkunft besuchten häufig schlechter ausgestattete Schulen und hatten dort kaum Kontakt zu deutschsprachigen Mitschülern. Dadurch verstärkten sich ihre Bildungsnachteile. Dies spiegelte sich in den Schulabschlüssen wider: 1997 erhielten 42,7 Prozent der ausländischen Absolventen einen Hauptschulabschluss, während es bei den deutschen 25,2 Prozent waren. Nur 10 Prozent der ausländischen Absolventen erreichten das Abitur oder die Fachhochschulreife – bei den deutschen lag dieser Anteil hingegen bei 25 Prozent (vgl. ebd., S. 295). Ausländer waren also gegenüber den Deutschen in starkem Maße benachteiligt. Das zeigt sich an der Struktur der Beschäftigung, an der Wohnsituation, an den Daten der Arbeitslosigkeit und der Bildung. Diese Daten entsprachen jedoch in etwa denen der Deutschen in vergleichbaren sozialen Positionen. Das deutet darauf hin, dass die schlechten Bildungs-, 4 Beschäftigungs- und Wohnsituationen von Ausländern in Deutschland nicht auf ihre nationale Zugehörigkeit, sondern in erster Linie auf ihre soziale Position in der Gesellschaft zurückzuführen sind. (vgl. ebd., S. 296). Mit dem Unterschied, dass Ausländer aufgrund ethnischer Stereotypisierung einem höheren Risiko ausgesetzt waren, in benachteiligte soziale Positionen zu geraten. Heinz Kühn hat 1979 sein Memorandum über „Stand und Weiterentwicklung der Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien“ vorgelegt, in der er eine konsequente Integrationspolitik und keine Assimilation der Gastarbeiter fordert. Kühns Vorschläge stießen auf Widerstand, und in den politischen Debatten jener Zeit war die Idee, dass Ausländer ihre eigene kulturelle Identität behalten könnten, oft umstritten (vgl. ebd., S. 245). Die Reaktionen auf die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung waren aggressiv und eskalierten in einer zunehmend ideologisch geprägten Debatte über nationale Identität und Migration. »Wir sind kein Einwanderungsland, und wir können es auch nicht werden«, verkündete Helmut Kohl 1989 in seiner Regierungserklärung (Plenarprotokoll 11/140 Deutscher Bundestag, 1989, Sp. 10298). Diese Haltung prägte die Debatte um das sogenannte Gastarbeiterproblem und die Einwandererfrage. Die Argumentation gegen Ausländer gewann zunehmend an wissenschaftsförmiger Legitimation, indem behauptet wurde, ihre vermeintliche Andersartigkeit und mangelnde Integrationsfähigkeit seien auf natürliche Unterschiede zurückzuführen. Ein Beispiel für diese Denkweise ist das Heidelberger Manifest, verfasst von deutschen Professoren am 17. Juni 1981, in dem es heißt: »Völker sind (biologisch und kybernetisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch und durch Tradition weitergegeben werden.« Diese Sichtweise legt nahe, dass Kulturen starre, unveränderliche Gebilde sind (Heidelberger Manifest, 1982). Dem Kabinett Kohl gelang keine politische Einigungin der Ausländerpolitik (vgl. Herbert, 2001, S. 332). Nach den fremdenfeindlichen Anschlägen der frühen 1990er Jahre in Rostock, Solingen und Hoyerswerda solidarisierten sich viele Deutsche mit den Ausländern, und auch Helmut Kohl änderte 1993 seine Haltung. Er erleichterte die Einbürgerung für Ausländer und erklärte, sie trügen »ganz erheblich zum Wohlstand der Deutschen« bei (Hecking, 2018). Die 1998 angetretene rot-grüne Koalition setzte in ihrer Koalitionsvereinbarung progressive Schwerpunkte bei der Ausländerpolitik. Erneut waren es unteranderem auch wirtschaftliche Beweggründe, als im Laufe der 2000er Jahre sichtbar wurde, dass es an Fachkräften in der IT-Branche mangelt und somit das Kabinett Schröder eine Sonderarbeitserlaubnis für ausländi-sche Fachkräfte einführte. Wegen des demografischen Wandels und deren Auswirkungen auf Deutschland, begann ein Teil der deutschen Gesellschaft zu begreifen, dass Einwanderung vor allem in ihrem eigenen Interesse lag (vgl. Herbert, 2001, S. 332-333). 2001 versagte das so oft eingesetzte konservative Narrativ, dass Einwanderung nicht im eigenen Interesse liege, als die Union mit der Wahlkampagne »Kinder statt Inder« die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen verlor. Das Diskussionsklima änderte sich, eine politische Debatte über pragmatische Korrekturversuche in derMigrationspolitik für eine bestmögliche Integration der Migranten wäre möglich gewesen. Stattdessen drehte sich die Auseinandersetzung weiterhin um die Frage, ob sich Zugewanderte an der Leitkultur orientieren müssen.
»So landete die Debatte über Migration erneut dort, wo sie stets endete – bei der Frage: ›Was ist deutsch?‹« (ebd., S. 334).
»Seit jeher diente die Definition des Fremden als konstitutive Voraussetzung zur Bestimmung des Eigenen« (ebd., S. 335). Auch gegenwärtig zeigt sich die fortbestehende Kategorisierung von Menschen entlang ethnischer Merkmale wie die Deutschen und die Migranten in der politischen Debatte, medialen Diskursen und statistischen Erfassungen. Besonders deutlich wird dies in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Die Polizeiliche Kriminalstatistik ist ein zentrales Instrument zur Erfassung von Kriminalität. Dabei unterscheidet sie Tatverdächtige nach dem Merkmal der deutschen Staatsangehörigkeit (vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat, 2024). Der Ökonom Jean-Victor Alipour kommt nach der Analyse der PKS-Daten von 2018 bis 2023 zu dem Ergebnis, dass die Zahlen keinen Hinweis darauf geben, dass Migranten aufgrund ihrer Herkunft krimineller sind als Deutsche. Die Überrepräsentation von Nicht-Deutschen in der Kriminalstatistik lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass sie häufiger in Ballungsräumen mit höherer Kriminalitätsdichte leben (vgl. Belousova, 2025). Zudem spielen demografische Faktoren eine Rolle: Jüngere Menschen begehen statistisch gesehen häufiger Straftaten als ältere, und Männer sind insgesamt krimineller als Frauen. Da die deutsche Bevölkerung im Durchschnitt älter ist als die Gruppe der in Deutschland lebenden Nicht-Deutschen und gleichzeitig der Männeranteil unter den Nicht-Deutschen höher ist, erklärt diese demografische Zusammensetzung teilweise die Überrepräsentation der Nicht-Deutschen in der Kriminalstatistik (vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025). Nun stellt sich die Frage, warum gerade der deutschen Staatsangehörigkeit eine so übergeordnete Relevanz zugesprochen wird. Schließlich gibt es zahlreiche andere Merkmale, in denen Unterschiede feststellbar wären. Kritisch zu hinterfragen ist auch die künstliche Trennung durch die Staatsbürgerschaft, da sie reale Migrationsbezüge unsichtbar macht und zugleich das Bild verstärkt, dass Kriminalität mit »nichtdeutscher Herkunft« verbunden ist. Etwa ein Viertel der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund (vgl. Statistischer Bericht - Mikrozensus - Bevölkerung nach Migrationshintergrund - Erstergebnisse 2023, 2024). Selbst wenn die Kriminalstatistik nach dem Migrationshintergrund und nicht nach der Staatsangehörigkeit unterscheiden würde, blieben Personen unberücksichtigt, deren Eltern bei ihrer Geburt bereits die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Doppelstaatsbürger sowie Kinder und Enkel ehemaliger Gastarbeiter, deren Eltern schon vor ihrer Geburt eingebürgert wurden, gelten nämlich nicht als Menschen mit Migrationshintergrund (vgl. Migrationshintergrund, o. D.). Dadurch verschwinden biografische Realitäten aus der statistischen Erfassung, während die öffentliche Wahrnehmung weiterhin stark durch vereinfachte Kategorien geprägt wird. Der Kieler Kriminologe Martin Thüne will die Polizeiliche Kriminalstatistik in ihrer jetzigen Form gar ganz abschaffen und durch eine bessere Datengrundlage ersetzen. »Auf dieser Basis zu sagen, Deutschland sei unsicher geworden, halte ich für Unsinn« (Schneider et al., 2024). Die mediale Berichterstattung greift die bereits verzerrte Darstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik auf und verstärkt dadurch bestehende gesellschaftliche Wahrnehmungen und Vorurteile gegenüber Migranten. Während 2023 laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 33,3 Prozent der Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten Nicht-Deutsche waren, lag ihr Anteil in den Medien 2,5-mal so hoch. Deutsche Tatverdächtige machten laut Polizei 66,7 Prozent aus, wurden in der Berichterstattung jedoch nur in 15,8 bis 18 Prozent der Fälle erwähnt – also weniger als ein Viertel (vgl. Ehlers, 2025). Ein Beispiel für diese mediale Verzerrung zeigte sich nach der Amokfahrt vom 3. März 2025 in Mannheim. Ein Mann steuerte sein Fahrzeug in eine Menschenmenge und wurde von einem pakistanischen Taxifahrer gestoppt. Als feststand, dass der Tatverdächtige Deutscher war und kein Migrant, ließ das öffentliche Interesse spürbar nach. Obwohl sich die Anschläge in Magdeburg, München und Mannheim sowohl in ihrer Art als auch in ihrer zeitlichen Nähe ähnelten, wurde über die Taten mit nicht-deutschen Tätern deutlich intensiver berichtet (vgl. Agarwala, 2025). Der Rapper Apsilon bringt diese moralische Inkonsistenz in einer Songzeile auf den Punkt:
Sie seh‘n Einzeltäter oder Psychos mit ‚nem ColtIch seh‘ nur, wie es leibt und lebt, euer schönes Schwarz-Rot-Gold (Apsilon, 2022).
Integration ist ein wechselseitiger Prozess und nicht allein die Bringschuld der Migranten. Das wurde über Jahrzehnte von der deutschen Mehrheitsgesellschaft verdrängt – mit Folgen, die bis heute spürbar sind. Die fortwährende Markierung als »fremd« bleibt nicht folgenlos: Sie führt dazu, dass Menschen sich nicht zugehörig fühlen und ihre Bindung an die Gesellschaft infrage stellen. Sophie Albers Ben Chamo beschreibt dieses Gefühl der Entfremdung prägnant:
Warum soll ich für etwas sorgen, etwas beschützen, mich für etwas einsetzen, wenn ich eh nicht dazugehöre? Wenn ich stattdessen Tag für Tag eingeimpft kriege, dass ich “Ausländer” bin, dass dies nicht meine Heimat ist und auch nie sein wird? Und wenn Sie mir jetzt sagen, dass diese Jungs […] sich ja gar nicht integrieren wollen, dann fragen Sie sich doch einmal, wie Sie auf die permanente Ausgrenzung reagieren würden (Chamo, 2023).
In einem Interview in der Zeit mit dem Titel »Ich bleib immer fremd« erklärte Marianne Rosenbergs, eine deutsche Schlagersängerin, deutsche Sinteza und Tochter eines Auschwitz-Überlebenden:
Mein Gefühl war: Vater hatte Recht, dieses Gedankengut ist doch nicht tot. Als Teenager hatte ich immer gedacht, so etwas kann sich nicht wiederholen. Ich habe viele Freunde, wir leben in einer Demokratie. Nach Rostock, Mölln und Hoyerswerda war ich schockiert. Ich dachte, so etwas werde von Anfang an bekämpft, aber zu Beginn wurde das Problem von Politikern auch noch als harmlos eingeschätzt (Simon, 2006).
Einen Weg, die Perspektive von Migranten der zweiten und dritten Generation auszudrücken, bot die Hip-Hop-Kultur. Der 2007 veröffentlichte Song »Ausländer« von Alpa Gun, der in einem türkeistämmigen Elternhaus in Berlin-Schöneberg aufwuchs (Focus, 2013), thematisiert diese Lebensrealität:
Vater wurde schikaniert als wär er ein Terrorist Deswegen leb ich heute da wo das härteste Ghetto ist Da, wo nur Kurden, Russen, Araber und Türken wohnen Da, wo die Menschen kämpfen müssen für ein bisschen Lohn Euch geht es gut da oben, doch wir ham’s hier unten schwer Für euch sind wir Kanaks und müssen trotzdem in die Bundeswehr […] Ihr schmeißt uns auf ein’ Haufen und sagt, wir sind alle gleich Ich hab mich oft geschlagen, doch mein Bruder wollte nicht so sein Trotzdem kommt er wegen sei’m Aussehen in keine Disco rein […] Ihr sollt nur wissen wir sind auch ein Teil vom deutschen Volk (Alpa Gun, 2007).
Apsilon, dessen Großeltern als türkische Gastarbeiter nach Deutschland kamen (vgl. Liedtke, 2022), rappt darüber:
Und der Enkel kriegt kein‘n Job und keine Wohnung wegen des Nam‘ns Bei den Enkeln der Fabrikbesitzer, die die Großeltern damals ausgebeutet hab‘n […] Warum könn’n denn deine Großeltern kein Deutsch nach fünfzig Jahr’n in diesem Land?” Ja Schon ziemlich enttäuschend Leitkultur, oh, Leitkultur, ich weiß nicht, was sie woll’n Leitkultur in Hanau, Leitkultur, “Wir sind das Volk“ […] Ich brauchte 23 Jahre, bis ich merkte, dass ich statt zweien Keine Heimat habe […] Keine Heimat eins und auch keine Heimat zwei, nur der Streit mit dem, was sich in beiden Ländern so rumtreibt (Apsilon, 2022).
Ein ehrlicher Blick in die Geschichte zeigt, dass die Binarität zwischen »den Deutschen« und »den Ausländern« nicht aus der Gesellschaft verschwunden ist. Strukturelle und institutionelle Diskriminierung bestand weiterhin in verschiedenen Formen und trägt zur Auf-rechterhaltung dieser Binarität bei (vgl. Alexopoulou, 2020, S. 9). Deutschlands Widerwille, sich als Einwanderungsland zu verstehen, wirkt bis heute in der Migrationspolitik nach.Die ständige Anpassung der Bezeichnung – von »Gastarbeiter« über »Ausländer« hin zu »Migranten« oder »Menschen mit Migrationshintergrund« – verändert nicht automatisch die sozialen Realitäten, in denen diese Menschen leben. Nach wie vor stehen Postmigranten in Deutschland vor der Frage, was »wir« bedeutet – und wer als »deutsch« gilt. Musik, Film und Kunst haben dazu beigetragen, migrantische Perspektiven sichtbar zu machen und die kulturelle Vielfalt Deutschlands zu prägen. Dieser kulturelle Wandel ist nicht losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die zunehmende Sichtbarkeit migrantischer Stimmen ist Ausdruck eines langfristigen Wandels, der weit über die Kunst hinausgeht, auch Dokumentationen wie LIEBE, D-MARK UND TOD zeigen, dass die Kultur der Einwanderer längst Teil der deutschen Geschichte ist (vgl. LIEBE, D-MARK UND TOD, 2022).Die Geschichte der Gastarbeit war nicht konfliktfrei, doch führte er dazu, dass sich Deutschland schrittweise zu einem Einwanderungsland entwickelte. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Geschichte der Gastarbeit ist durchaus ein erfolgreicher Einwanderungsprozess und die Integration in Deutschland gelingt besser, als manche Debatten vermuten lassen: Im Jahr 2023 wurden so viele Menschen eingebürgert wie seit 2005 nicht mehr. Zudem hat sich der Anteil der Eingewanderten mit akademischem Abschluss seit 2005 fast verdoppelt und liegt mit 24,8 Prozent nahezu auf dem Niveau der Personen ohne Einwanderungsgeschichte. Auch das gesellschaftliche Miteinander entwickelt sich positiv: Über 80 Prozent der Eingewanderten pflegen soziale Kontakte zu Personen ohne Einwanderungsgeschichte, und das freiwillige Engagement von Nachkommen Eingewanderter unterscheidet sich kaum von dem der übrigen Bevölkerung. Doch die Herausforderungen bleiben: Migranten sind weiterhin überproportional von sozia-len, finanziellen und bildungsbezogenen Risikolagen betroffen (vgl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung DeZIM e.V., 2025). Eine Lösung für die bestehenden Ungleichheiten könnte darin liegen, eine Alternative zur fortbestehenden Binarität zu schaffen: das Recht aller, gleichberechtigt mitzusprechen und mitzuentscheiden – Privilegien und Macht, die aufgrund von Herkunft oder sozialem Status bestehen, abzugeben und zu teilen. Denn ihr exklusiver Erhalt ist letztendlich das, was die Binarität aufrechterhält.Erst wenn die Bundeskanzlerin Hatice, von der Mely Kiyak bereits 2008 schrieb, überhaupt vorstellbar wird, haben wir als Gesellschaft begonnen, die über Jahrhunderte verfestigte Binarität zwischen »den Deutschen« und »den Ausländern« zu hinterfragen und aufzubrechen.Vor diesem Hintergrund stimmt es nachdenklich, dass Angela Merkel, Bundeskanzlerin a.D., in ihrer letzten großen Ansprache zum Festakt am Tag der Deutschen Einheit 2021 die Frage nach Zugehörigkeit und Identität aufwarf und sich als »ostdeutsche Bürgerin« und »eine von 16 Millionen« bezeichnete (Merkel, 2021).
Dies führt erneut zu der Frage: »Was ist eigentlich deutsch?«.
Literaturverzeichnis
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